Ausstellung: 18. November bis 12. Dezember 2010
Strotoplastische Arbeiten: Ein Reflexion
Die Gegenständlichkeit lastet auf unseren Sinnen. Eine fremde Verwirklichung belastet uns. Man neigt dazu, ihr zu entgehen. Als Kind entledigt man sich ihres Zwangs, indem man sie sprengt, der eine - physisch, die andere - magisch, ein dritter - buchstäblich und manch einer mit einem Gegenentwurf - überwindend, schöpfend, künstlerisch. Bald sind es Absprachen, Konventionen, Kompromisse, die man eingeht, um zu bestehen. Als Gegenstand, als Person, als eine trivialisierte Immanenz ursprünglicher Unbefangenheit.
„Als Kinder haben wir vieles zerstört, das ist die Quelle meiner Kreativität“, sagt Rudolf Hürth in einem Gespräch, so nebenbei. Keine Offenbarung, aber eine durchaus gelebte, relative und die einzig wirkliche Wahrheit eines Subjekts, eines Künstlers. Viele geben es auf, subjektiv zu sein, und werden zu Personen. Künstler bleiben länger Subjekte, suchen länger und denken dabei gerne zu Ende. Zu Ende denken, zufällig, beliebig, ohne Zwang, aber mit Respekt einer inneren Schlusskraft gehorchend. Die Gegenständlichkeit ist dann keine profane Gewohnheit. Sie ist eine Chance und eine Möglichkeit unter vielen anderen, der Wirklichkeit zu begegnen, indem man Wirklichkeiten schafft. Wer überwindet, schöpft aus der Sehnsucht. Seine Aufmerksamkeit gilt seiner eigenen Potenzialität. Wer respektiert, schöpft aus der Liebe, denn seine Aufmerksamkeit gilt der Potenzialität des anderen, der Verwirklichung, der fremden Gegenständlichkeit, die bald zu Eigen wird.
„Der Ursprung meiner künstlerischen Arbeiten lag schwerpunktmäßig in der Bildhauerei“, schreibt Rudolf Hürth und klingt demütig, akademisch, neutral. Umso mehr, wenn er aufführt: „Inhaltlich ging es dabei um die Darstellung des Menschen an sich und seinen gesellschaftlich-sozialen Kontext.“ Der Erbe einer soziologischen Kultur, die alles benennt, ohne zu Ende zu denken. Doch Rudolf Hürth denkt zu ende, indem er mit Steinen spricht, sie respektiert und bezwingt, um sie zu überwinden, indem er ihnen die Geheimnis ihrer Formkraft raubt. Ein Raubritter im Dienste der konstruktiven Überwindung. Um selber nicht überwältigt zu werden, überwältigt der Bildhauer die Kolossen, indem er sie figuriert, ihnen die Seele raubt und sie plötzlich schließlich zu etwas ganz anderem, ganz steinlosem, verdichtet, was nach kraftvoller Kunst aussieht und keine Bezeichnung hat. Oder doch?
„Strotoplastische Arbeiten“, hallt es im Atelier. So nennt sie der Meister. Ich blicke hinein – eine Landschaft, voller eigenwilliger Beliebigkeit und jener schwunghafter Ordnung, die beinahe metaphorisch wirkt. „Die Überwindung“, sage ich, nachdem meine Aufmerksamkeit von einem der Bilder wieder entlassen wurde. „Der Flug des Kranichs“, sagt Hürth, und strahlt, wohl bemerkt, dass sich unsere Wahrheiten verstanden haben. Ein zufälliger Besucher, der alte Freund und kritischer Betrachter, betritt das Atelier, ein Zeuge der wunderbaren Emergenz subjektiver Wahrheiten. Es folgt eine Diskussion, die alles verbalisiert, was klar geworden scheint, aber die Worte sagen wie immer nichts aus, sie benennen nur. Kommunikation ist gegenseitige Beeinflussung, sagte mal ein Kommunikationsforscher. Und ein Betrachter möchte nicht, lediglich beeinflusst zu werden. Auch nicht als Schöpfer des eigenen Werks, insbesondere eines „strotoplastischen“, der Formen, Gattungen und Zwänge mit Respekt überwindet, und mit einer befreienden Ladung von Können.
„Meine realistisch bis abstrakt gehaltenen Werke möchten so eine künstlerische Reflexion, möglicherweise auch eine Antwort auf die Frage des Menschseins in seinen Grund- und Grenzbefindlichkeiten sein.“ So schreibt Rudolf Hürth, wenn es offiziell sein muss. Entspannt und einem lebenden Gesprächspartner, einem echten Gegenüber zugewandt, wie bei dem Talkshow im Kunstraum Remigius zuletzt, schwärmt er von eruptiver Energie, die in seinen Werken Ausdruck findet und meint dabei jene vulkanischen Kräfte der Natur, die seine Kunst beflügeln. Die eruptive Energie eines eigenwilligen Künstlers kanalisiert sich wieder mal konform, wenn er über sich schreiben muss - biografisch, deutlich, konzeptuell. In einer vom Bildhauer selbstverfassten Vita über den Kunsterfinder Rudolf Hürth lese ich neugierig über die Entstehung der strotoplastischen Gattung folgende Passagen:
„Das Einbringen von Farbe in die bildhauerische Arbeit verstärkt die Ausdrucks- und Aussagekraft und akzentuiert gezielt spezifische inhaltliche Appelle. Beim farbig gemalten Bild entstand in mir früh das Bedürfnis die vorliegende Zweidimensionalität in die in dreidimensionale Darstellungsweise wachsen zu lassen. Dieser über zwei Jahrzehnte währende experimentelle Prozess mündete somit ein in die Ausformung farbiger „strotoplastischer Bilder“, in denen bildhauerische Arbeiten mit gemalten Bildebenen verschmelzen und sich gleichzeitig plastisch aus der Bildebene herausarbeiten und dadurch greifbar erfahrbar werden.“ Und dann – eine Empfehlung zur Rezeption, eine Art Technnolgie der mediumgerechten Wahrnehmung strotoplastischer Inhalte:
„Die Betrachtungsebene erweitert sich von 90 auf 180 Grad. Mit den Arbeiten erschließt sich ein neues Feld vielfältiger Möglichkeiten und Herausforderungen in Form, Technik, inhaltlicher Aussage und Darstellungsvielfalt.“ Die Bilder ziehen aber auch so in ihren Bann, man vertraue nur seinen eigenen Sinnen, um künstlergerecht in die kraft- und farbvollen Sog geformter Dichtung gerissen zu werden. Ganz im Sinne eines Künstlers, der schon wieder seine eigene Lebensabschnittskunst überwunden hat, auf dem Wege seiner Wahrheitssuche, die kein Betrachter jemals nachempfinden kann, der noch nie nach Wahrheit suchte.
Leon Tsvasman
Öffnungszeiten der Ausstellung: Montag bis Freitag jeweils von 14 bis 17 Uhr und nach tel. Vereinbarung 02271 9868-555 und bei Veranstaltungen.
Vernissage: Dienstag 16. November 2010, 20 Uhr.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Lesen Sie auch den Artikel von Gudrun Klinkhammer vom 08.12.2009 im KStA zur Ausstellung von Rudolf Hürth (im Atelier von Frank Wollny in der Zikkurat in Firmenich)
>zum Artikel
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Vita Rudolf Hürth
1954 in Bonn geboren
1975-1981 Studium der Architektur in Köln und Aachen
1982 Eintritt in die berufliche Selbstständigkeit - intensive
Beschäftigung mit der Bildhauerei
1984-1990 Einzelausstellung im Innen- und Außenministerium in Bonn
Ausstellung der Exponate in Rathäusern, NRW
Quellenhof- Kurpark, Aachen
Galerie Rolandshof, Rolandseck
Galerie Alain Blondel, Paris
1990-2009 jährlich wechselnde Ausstellung Galerie/Atelier Rudolf Hürth,
Wachtberg
2004 Kunst Köln-Messe, Köln
2007 Ausstellung Kunstfabrik Zikkurate, Mechernich
2008 Ausstellung Kitzbühel, Österreich
2009 Ausstellung Deutsche Post- Real Estate Germany GmbH, Bonn
Art Club Köln
Orientierungsräume St. Remigius, Bonn
Kunstfabrik Zikkurate, Mechernich
Exponate befinden sich in den privaten Kunstsammlungen Christian Birkenstock
Kitzbühel und Reinhold Würth-Künzelsau.
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